AnGedacht

 

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.
Václav Havel 

 

Liebe Besucherinnen und Besucher unserer Homepage!

Was wir jetzt alle brauchen, das ist Hoffnung. Das sagt zum Beispiel der Stressforscher Mazda Adli. Ohne echte und begründete Hoffnung, so sagt er, halten wir alle diese Krise nicht mehr lange durch. Wir im Sinne von jeder einzelne von uns, wir als Gesellschaft, wir als Weltgemeinschaft.

In einem Bericht habe ich von einem Experiment gehört. Vierzig erfahrene Läufer sollten einen Marathon laufen. Zwanzig davon wurde gesagt, wie viele Kilometer sie laufen müssen. Sie kamen alle im Ziel an. Die anderen zwanzig sollten die gleiche Strecke laufen. Zu Beginn ihres Laufes wurde ihnen aber nur die Hälfte der Strecke genannt. Kurz vor dem Ziel bekamen sie über Kopfhörer drei weitere Kilometer als Laufstrecke vorgegeben. Es gab noch mehrere Verlängerungen. Am Ende kam keiner der Läufer im Ziel an.

Jeder von uns nimmt gerade an einem Marathon der besonderen Art teil. Und wir sind alle in der zweiten Gruppe gelandet. Wir nehmen Teil am Corona-Marathon und wenn das Ziel eines etwas normaleren Lebens wieder näher rückt, dann wird der Lauf der Einschränkungen doch noch einmal eine Runde verlängert.

Schon ein Jahr geht das jetzt so in unterschiedlichen Etappen. Und ich merke, dass Menschen aller Generationen des Laufens müde sind. Und es gibt viele, die bleiben auf der Strecke liegen.

Was wir jetzt also wirklich dringend brauchen, das ist Hoffnung.

Einer der erfahrensten Läufer im Neuen Testament ist Paulus. Er beschreibt, mit welcher Einstellung wir auf jeden Fall ins Ziel kommen: Ich habe das Ziel des Laufes erreicht, sagt Paulus, denn ich habe am Glauben festgehalten.
2. Timotheus 4, Vers 7

 

Foto: S. Schulte / Ökumenischer Kreuzweg der Jugend

  

Sein Glaube an Jesus Christus ist für Paulus der Grund seiner Hoffnung. Am Glauben festhalten heißt für ihn an der Hoffnung festhalten. Reichlich eingeflößt wird ihm Hoffnung an dem Ort, an dem Gott gegenwärtig ist. Von hier aus nimmt er Stück für Stück die Strecken seines Laufes in den Blick. Paulus war schwer krank und vielfach angefeindet. Er hatte keinen einfachen Lebenslauf.

Einer, der auch keinen einfachen Lebenslauf hatte, war der tschechische Politiker und Schriftsteller Václav Havel. Über die Hoffnung sagt er: Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.

Hoffnung ist eine Gewissheit. Eine Grundhaltung. Etwas, was mich auf meinem Grund hält und dadurch trägt. Hoffnung ist das Vertrauen, dass etwas Sinn macht, auch wenn es ganz anders verläuft, als ich es mir erhofft habe.

An den Gedanken von Václav Havel muss ich in diesen Tagen oft denken. Er hat mich schon durch die ein oder andere Notstrecke in meinem Leben begleitet. Hoffnung in diesen Coronatagen ist die Gewissheit, dass mein oder unser Laufen durch dieses Tal Sinn macht, egal wie lange wir noch laufen und egal, wie es ausgeht.

Das wichtigste Hoffnungszeichen der Christen ist das Kreuz. Es steht für den Lebenslauf Jesu. Seinen Marathon vom Leben in den Tod und vom Tod ins Leben. Als Jesus am Kreuz stirbt macht das für alle, die ihm verbunden sind, keinen Sinn. Das Kreuz ist erst einmal alles andere als ein Hoffnungszeichen. Der Sinn des Kreuzes muss wachsen. Der Sinn dieser Corona-Zeit und der Sinn all der kleinen und großen anderen Kreuze, die wir mit uns herumtragen, auch.

Das Kreuz wird erst durch Ostern zum Hoffnungszeichen. Erst dadurch, dass Gott gegenwärtig ist am Ort des schlimmsten Leides und allem Unheil zum Trotz neues Leben und neue Hoffnung schenkt.

Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen in der kommenden Zeit viele Hoffnungszeichen begegnen.

In diesem Sinne Ihnen und allen, die Ihnen verbunden sind, eine segensreiche Passionszeit und ein Osterfest voller Hoffnung. 

Ihre Martina Lieb
Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Keltern-Dietlingen

 

 

Spuren des Glaubens in unserer Andreaskirche

Unsere Andreaskirche ist am Ende des 15. Jahrhunderts gebaut worden, also vor der Reformation. Das heißt: In unserer Kirche wurden am Anfang katholische Gottesdienste abgehalten und noch mehr: Hier wurde der christliche Glaube in seiner katholischen Gestalt gelebt. Und das hat Spuren hinterlassen. Dazu gehören vor allem die Bilder im Eingangsbereich, die zwar beschädigt und verblasst, aber gerade noch erkennbar sind. Schauen wir uns das größte Bild etwas näher an.

Ich habe mir diesen Frauenkopf einmal ausgeliehen. Jetzt wird die Sache klarer: Das ist eine Maria, die ihren Mantel hochhebt so dass eine Gruppe von Menschen, die anscheinend Schutz suchen, darunter schlüpfen können.

 

Fotomontage: Wolfgang Raupp

 

"Schutzmantelmadonna" nennt man solche Mariendarstellungen. Sie waren vom 12. bis zum 16. Jahrhundert sehr verbreitet. Im Mittelalter gab es unter anderem für die Kirche ein Schutzmantelrecht z. B. sie durfte einem Verfolgten Zuflucht gewähren.

Davon ausgehend hat man sich in der früheren Kirche vorgestellt: Wenn die Menschen Angst haben vor dem göttlichen Richter, dürfen sie unter den Schutzmantel der Maria schlüpfen. Dort werden sie vor Gericht und Strafen bewahrt.

Damit wird klar: Das ist eine Marienfrömmigkeit, gegen die die Reformation gekämpft hat. Denn unser Erlöser ist doch Jesus Christus! Maria ist ein sündiger Mensch genau wie wir und genauso erlösungsbedürftig. Jesus Christus ist der einzige Mittler zwischen Gott und Mensch. Inzwischen hat auch die katholische Kirche erklärt, der Schutz, den Maria gewähren kann, sei so zu verstehen, dass es der Würde und Wirksamkeit Christi, des einzigen Mittlers, nichts abträgt und nichts hinzufügt." (Lumen Gentium)

Außerdem sollte, wer in einer Marienfrömmigkeit lebt, aber auch wer sie kritisiert, bedenken, dass mit dem Marienbild oft nicht nur eine bestimmte Frau dargestellt werden soll, sondern ein Symbol für die Kirche.

Anscheinend hat der Maler unserer Schutzmantelmadonna zeigen wollen, wie sich für ihn dieses Problem löst. Vor Maria steht auf seinem Bild (in der Kirche) noch jemand. Er blutet aus mehreren Wunden. Das ist der leidende Christus. Maria und die Leute unter ihrem Mantel gehen hinter ihm. Dass die Kirche zum Schutzmantel wird, geschieht nicht aus menschlicher Kraft, sondern in der Nachfolge. Der leidende Christus ist es, der schützend vor seiner Kirche steht.

Das Marienbild in unserer Kirche ist dann nicht nur eine Spur einer überholten, theologisch fragwürdigen Marienfrömmigkeit, sondern eine Spur der Arbeit an überlieferten Formen des Glaubens. Ob es sich lohnt eine solche alte Spur zu pflegen und ihr zu folgen? Diese Spur hat frühere Generationen dahin geführt, wo man den eigenen Glauben in einem neuen Licht sieht. Eine Verheißung wird sichtbar: Ihr seid Kirche. Das heißt: Christus steht vor euch und beschützt euch. In dieser Geborgenheit dürft ihr als Kirche leben. Und ihr dürft und sollt auch andere unter diesen Schutzmantel der Kirche einladen.

Wolfgang Raupp

  

 

Jahreslosung 2021

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!
Lukas, 6, Vers 36